
Shiatsu (jap. 指圧, dt. „Fingerdruck“) ist eine in Japan entwickelte Form der Körpertherapie, die aus der traditionellen chinesischen Massage (Tuina) hervorgegangen ist. Am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Japan verschiedene Formen der energetischen Körperarbeit und manuellen Behandlungsmethoden kombiniert und unter dem Namen Shiatsu vereint, um sich von den reinen Entspannungsmassagen abzugrenzen. Wörtlich übersetzt bedeutet Shiatsu „Fingerdruck“, die Behandlung umfasst jedoch weit mehr: Zur Berührung wird der ganze Körper eingesetzt.
Dabei arbeitet der Therapeut weniger mit Muskelkraft als mit seinem Körpergewicht und versucht, während der Behandlung eine „energetische Beziehung“ zum Patienten herzustellen (Energie hier im Sinne von Qi). Vom Behandelnden ist Achtsamkeit, Sensibilität und Offenheit gefragt.
Quelle: Wikipedia
Shiatsu nimmt unter den komplementären Therapieformen einen einzigartigen Platz ein. Obwohl es möglicherweise zu den ältesten Heilverfahren auf diesem Planeten gehört und als Teil der lebendigen Volksmedizin-Tradition im Fernen Osten weiterhin gedeiht, hat es sich erst in jüngster Zeit einen Namen gemacht und zur eigenständigen Therapieform entwickelt.
Shiatsu bezeichnet in der Tat eine große Bandbreite unterschiedlicher Behandlungsarten und Behandlungssituationen. Man kann sich vollständig bekleidet auf einem Futon oder nackt in einem kalifornischen Kurort mit Shiatsu behandeln lassen, oder dabei mit zehn anderen Patienten in einer japanischen Klinik liegen oder bei einer Gesundheitsmesse im Westen auf einem Stuhl sitzen. Die Behandlung kann in Form von hartem kräftigen Druck mit Handgriffen oder als sanfterer, schwächerer Druck mit Dehnung der Gliedmaßen erfolgen oder auch durch Handauflegen. Es gibt Shiatsuschulen die sogar gänzlich ohne Körperkontakt arbeiten. Die Diagnose kann durch Tasten des Pulses gestellt werden, über Punkte am Rücken, durch das Drücken des Bauches oder durch einen Blick auf das Gesicht und die Körperhaltung.
Obwohl Shiatsu häufig als Abkömmling der Akupunktur gesehen wird, ist es wahrscheinlicher, dass es sogar dieser altehrwürdigen Therapieform voranging. Und da berühren eine ganz instinktive Form des Heilens ist, können wir davon ausgehen, dass die Punkte und Meridiane schon lange gerieben und gedrückt wurden, bevor sie mit den Steinnadeln stimuliert wurden, die man an neolithischen Ausgrabungsstätten gefunden hat und die bis 8000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückdatieren. Möglicherweise wurden die Akupunkturmeridiane und -punkte ursprünglich durch Berührung entdeckt? Einige Akupunkturlehrer behaupten, die Meridiane seien ursprünglich als Linien aufgefasst worden, auf denen sich die Empfindungen nach der Stimulation eines Punktes mit einer Nadel über den Körper ausbreiteten. Es ist aber auch möglich, dass einfacher Druck die gleichen linienförmig verlaufenden Empfindungen auslöst. Einige Shiatsu-Varianten arbeiten hauptsächlich mit den Meridianen und nicht einzelnen Punkten. Diese Methode geht zurück auf die Frühgeschichte der chinesischen Medizin in einem Buch, das in einem Grab aus der Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) in Hunan gefunden wurde. Dort sind nur Meridiande und keine Punkte erwähnt.
Zweifellos erfordert eine Stimulierung der Punkte mit Nadeln einen geringeren Energieaufwand des Behandelnden als die Unteruchung der Meridiane mit Daumen und Fingern. Aus diesem Grund entwickelte sich die Akupunktur nach und nach zur Hauptform der "Energie-Manipulation", obwohl die Beherrschung von Palpations- und Massagetechniken weiterhin eine wichtige Voraussetzung in der Ausbildung des Artztes blieb, bevor er zum Nadeln übergehen durfte. Mit der Zeit verlor jedoch die Massage im medizinischen Repertoire an Bedeutung, und heute steht sie etwa auf der gleichen Stufe wie die Physiotherapie in unserem medizinischen System, während die Akupunktur die vorherrschende Heilmethode darstellt.
Doch in der Bevölkerung hat die Massage in Form des Reibens und Drückens der Meridiane und Punkte, ihre enorme Popularität behalten. Wo immer die Therorie des Qi oder der Vitalenergie Fuß fasste, ging es auch um diese Art von Massage. So gibt es in Tibet, auf den Philippinen, in Indonesien und Thailand ähnliche Versionen. Selbst in Südindien, das mehr dem eigenen vedischen Konzept des Prana zuneigt als der chinesischen Vorstellung von Qi, ist eine Form der Druckpunkt-Massage bekannt, und es wird behauptet alle Arten der Druckmassage kämen von dort her, genau wie die chinesischen Kampfkunstarten, die angeblich von dem indischen Mönch Bodhidharma in China eingeführt wurden. Obwohl wir die genaue Entwicklung nicht mehr nachvollziehen können, hat über die Gewürzstraßen sicherlich ein Austausch zwischen den Kulturen stattgefunden.
Japan mit seiner engen Beziehung zur chinesischen Kultur übernahm die chinesische Akupunktur und Massage ohne größere Abweichungen von der Tradition. Nachdem die chinesische Medizin im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach Japan kam, waren einige Veränderungen unvermeidlich. Charakteristisch für die chinesische Kultur auf dem Höhepunkt Ihrer Blutezeit ist ein unaufhaltsames Strömen der Kreativität; typisch für die japanische ist die meisterliche Detailgenauigkeit. Die Japaner - sie machten mit der chinesichen Medizin dasselbe wir mit der chinesischen Kunst. Sie verfeinerten die Kraft des chinesischen schaffens und verfolgten die Techniken weiter bis zur größten Detailtreue der Form. So kam es beispielsweise zur Entwicklung einer Art Durckmassage des Abdomens namens Ampuku. Wer Ampuku anwenden wollte, benötigte eine Ausbildungvon bis zu zwölf Jahren, um zu lernen, wie man ausschließlich über den Bauchraum - oder das Hara, wie er auf Japanisch heißt - diagnostiziert und behandelt. Diese Fähigkeit des Reduzierens, des Analysierens und Verfeinerns ist so typisch für die japanische Herangehensweise, so wie die breitgefächerte Kreativität für die chinesische.
Wie bereits erwähnt, nimmt das Hara oder Abdomen einen besonderen, einzigartigen Platz in der Therorie des Shiatsu ein, nicht nur als wichtiger Bereich für die Diagnose und die Behandlung, sondern auch als kraftvolles Energiezentrum, das jeder Shiatsu-Behandler entwickeln sollte. Das Hara ist bekannt als das Meer des Ki (der japanischen Bezeichnung für Qi) und jede Aktivität, die aus "dem Hara heraus" erfolgt, ist erfüllt von einer lebendigen Kombination aus Energie, Entspannung und Konzentration. Kampfkünste, Tanz und Theater, Sumo-Ringen, Bogenschießen, Meditation, Malerei oder Heilkunst, selbst Kochen, gelingen besser "aus dem Hara heraus". Um Shiatsu zu erlernen ist es unerlässlich, ein Gefühl für das Hara zu entwickeln. Die Aufmerksamkeit und den Atem im Hara zu zentrieren ist eine hierzu hilfreiche Übung. (Anmerkung: Unserer Prana-CD beinhaltet eine Übung um die Haraenergie zu kultivieren)
Durch sie lernt der Shiatsu-Praktizierende seinen Wahrnehmungsbreich zu öffnen, so dass letztendlich der ganz Körper zum Instrument sowohl für das Erspüren als auch das Aussenden von Ki werden kann. Die Konzepte von Hara und Ki sind so im japanischen Denken verwurzelt, dass sie sogar Eingang in die Sprache gefunden haben. "Gen-ki des´ka", die japanische Entsprechung von "Wie geht es dir?", heißt wörtlich: "Wie geht es Deinem Ki" Der Ausdurck für "krank" ist "byo ki" - "schlechtes Ki". Wenn man von jemandem sagt, er/sie habe ein "gutes Hara" dann heißt das, er/sie ist integer, während ein "schlechtes Hara" Verschlagenheit und Unzuverlässigkeit andeutet.
Demzufolge gehört Shiatsu, als Wissenschaft des im Hara verwurzelten Ki, allen Japanern und nicht nur den Ärtzten. Es ist also kaum verwunderlich, dass es bis in die Volksmedizin vordringen und daraus neue Energie schöpfen konnte. So haben ganz gewöhnliche Menschen, die ohne großes akademisches Wissen die traditionelle Massage anwandten, einfache, kraft- und wirkungsvolle Techniken entwickelt. Dieser unkomplizierte und nicht-theoretische Ansatz wirkte sich von Grund auf erfrischend und belebenden auf das Shiatsu aus.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war aus der ursprünglich von Ärzten ausgeübten Massage allmählich eine Massage des (kaiserlichen) Hofes und dann der Badehäuser geworden, häufig mit ähnlichem Beiklang, wie ihn "Sauna und Massage" bis vor kurzem im Westen hatten. Die seriöseren paramedizinisch Praktizierenden gründeten 1925 die Shiatsu Therapists´Association,, um sich von den "Haarwäschern", die Entspannungsmassagen gaben, abzugrenzen, und "Shiatsu" oder "Fingerdruck" wurde der offizielle Name für Heilmassagen in Japan.
Mittlerweile hatten westliche Sitten und Gebräuche, einschließlich der westlichen Medizin, die japanische Kultur stark beeinflusst. So hatte sich Aizawa Seishisasai, ein konfuzianischer Gelehrter, bereits 1825 über "die Schwäche einiger für neuartige Apparate und seltene Medikamente" geäußert, die viele seiner Landsleute dazu brächte, "die fremdländischen Gebaren zu bewundern". Nach und nach wurde das Repertoire der Shiatsu-Praktizierenden um westliche Handgrifftechniken und vor allem die westliche medizinische Terminologie erweitert. Demzufolge war bei den Punkten nur noch die Lage nach der westlichen Anatomie bekannt, und es wurde nicht mehr betont, dass die Meridiane untereinander verbunden sind.
Auch Tokujiro Namikoshi, der 1925 die Klinik für Drucktherapie gründetet, war bestrebt, den Shiatsu-Techniken einen westlichen Rhamen zu geben. Da seine Schule die einzige mit einer offiziellen Lizenz zum Unterrichten von Shiatsu war und ist, wird in Japan am häufigsten die Namikoshi-Methode erlernt. Für Namikoshi-Therapeuten sind die Punkte eher durch Ihre anatomische Lage als über das Meridiansystem charakterisiert und sie bevorzugen bei Behandlungen einen westlich-wissenschaftlichen Ansatz gegenüber der klassischen Therorie.
Shiatsu wurde sowohl in der neuen westlichen Form als auch auf traditioneille Art weiter praktiziert und gelehrt, bis General Mac Arthur unter der amerikanischen Besetzung nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der allgemeinen Unterdrückung der traditionellen japanischen Kultur die Ausübung des Shiatsu ebenso verbot wie die Ausübung der Anma, der Entspannungsmassage, die hauptsächlich dem Vergnügen diente. Anma wurde zur Wahrung des Anstands meist von Blinden ausgeführt - eine Tradition, die sich immer noch in vielen Ländern des fernen Ostens beobachten lässt. Es gab auch blinde Shiatsu-Anwender, deren Lebensunterhalt durch das Verbot gefährdet war. Es heißt, sie hätten Helen Keller, die berühmte Schriftstellerin und Vorkämpferin der Blinden, die selbst von Geburt an blind und taub war, auf ihre missliche Lage aufmerksam gemacht. Sie legte Fürsprache bei der amerikanischen Regierung ein, und Anma und Shiatsu wurden wieder zugelassen.
Das nächste Kapitel der Shiatsu-Geschichte begann mit der Arbeit des verstorbenen Shizuto Masunaga, eines Professors für Psychologie an der Universität von Tokyo. Er war sehr an der traditonellen östlichen Medizin interessiert und widmete einen großen Teil seiner Forschung alten chinesischen Texten zu diesem Thema. Seine Mutter hatte bei Tamai Tempaku studiert, der eine wichtige Rolle beim Wiederaufleben des Shiatsu um 1920 spielte.
Auch Masunaga erlernte Shiatsu, machte seinen Abschluss an der Namikoshi-Schule und unterrichtete dort zehn Jahre lang. Er begann seine drei Interessensgebiete Psychologie, konventionelle Ausübung und geschichtliche Erforschung der Ursprünge von Shiatsu miteinander zu verbinden und mit dem westlichen Verständnis von Physiologie zu kombinieren. Sein Stil, den Ohasi später Zen-Shiatsu nannte, zeichnet sich also durch eine umfassende, eigenständige Therorie aus, die sowohl westliche als auch östliche Vorstellungen von Krankheit und Heilung mit einschließt. Masunaga entwickelte auch die traditinellen Methoden der Tastdiagnose aus dem Hara bzw. Rücken des Patienten weiter, indem er eine einzigartige Methode erfand, nach der sich das aktuelle Energiemuster erfassen und die entsprechenden Meridiane behandeln ließen, um Beeinträchtigungen innerhalb des Energiemusters auszugleichen. Er leistete auch einen Beitrag zum Meridiansystem, der Grundlage des Shiatsu. Durch Aufzeichnungen der Ki-Linien, die dem Empfangenden wie Linien von Empfindungen erschienen oder von ihm als Gebendem ertastet werden konnten, dehnte er die 12 klassichen Akupunkturmeridiane über den ganzen Körper aus, so dass fast jeder Meridian in nahezu jedem Bereich des Körpers behandelt werden kann. Zen-Shiatsu ist wunderbar anpassungsfähig und auf die spezifischen Bedürfnisse der Empfangenden abstimmbar. Massunaga gab an seine Schüler auch die Makko-Ho - spezielle Meridiandehnübungen weiter.
Seit Masunagas Tod (1981) haben viele Vertreter der unterschiedlichen Zen-Shiatsu-Schulen damit begonnen, ihre eigene Richtung oder Auslegung zu lehren. Seither wird das Feld des Shiatsu durch Erkenntnisse, Entdeckungen und Kontroversen belebt, die größtentiels im Westen erzeugt und geführt werden. Durch die zunehmende Verstädterung wirkt in Japan hingegen die Wissenschaft des Ki weit weniger anziehend als die Wissenschaft der Computer. Shiatsu wird zwar noch praktiziert, wie seit jeher in den Kliniken der traditionellen Medizin und in Dörfern, und auch einige größere Industriebetriebe bieten ihren Beschäftigten kostenlose Shiatsu-Behandlungen zur Prävention von Krankheiten an, doch seine eigentliche Entwicklung und sein Ausbau finden hauptsächlich im Westen statt. Dem Shiatsu fehlt die Verbindung zu einem blühenden heimischen Zentrum, wie es die chinesische Akupunktur hat, doch seine Entwicklung im Westen könnte es am Ende reicher und vielseitiger in sein Herkunftsland zurückbringen.
Quelle: Auszug aus dem Buch "Shiatsu" von Carola Beresford-Cooke, erschienen im Urban&Fischer Verlag
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